Beobachter im transparenten Raum
von Bernie Doessegger
Wer Franziska Kochs Installation «Heute fährt kein Bus mehr» (Wartesaal/Perla-Mode, Zürich, 2008) betritt, wird zwangsläufig zum Beobachter. Die einzelnen Elemente im Raum sind schnell registriert: ein Tisch, darauf ein Stapel Papier und dahinter eine tief hängende Glühbirne. Der Tisch fährt auf im Boden versenkten Schienen Richtung Glühbirne und zurück, sodass die Glühbirne über den Stapel Papier streift. Ebenso öffnen und schliessen sich im Hintergrund auf ein blindes Fenster projizierte Lamellen. Alle Bezüge und Abläufe sind offen gelegt, sodass leicht nachvollziehbar ist, was wie funktioniert. Es gibt also einen Moment der Transparenz.
Beobachter seiner selbst
Das Vergnügen, den Mechanismus durchschaut zu haben, währt nur kurz, denn gleichzeitig erkennt man den Leerlauf des Ganzen. Der Beobachter sieht und versteht alles. Was er aber übersieht, ist sich selbst. Die Geste des Beobachters impliziert nämlich, sich selber auszublenden; er möchte den Raum in seiner Objektivität wahrnehmen, als sei seine Anwesenheit rein zufällig. Ist deshalb die gespenstige Atmosphäre in «Heute fährt kein Bus mehr» nicht weniger durch die morbid-melancholische Präsenz der Dinge verursacht, als durch den zum Geist gewordenen Beobachter? Der Beobachter, der eben noch Ursache und Wirkung gesucht hat, um darin den Sinn zu finden, wird zum Beobachter seiner selbst. Er ist gestrandet im «Wartesaal», ähnlich jenem von Keir Dullea dargestellten Bowman, der sich in der berühmten Szene von Kubricks «2001: A Space Odyssey», 1968, in einer Art surrealistischem Kabinett wiederfindet, in dem er permanent auf sich selbst in verschiedenen Lebensaltern stösst, nachdem er hinter die Unendlichkeit gereist ist.
Selbsttätige Bürokratie
Die Installation «Office» (gezeigt im Rahmen der Ausstellung «Künstler und Künstlerinnen der Collection Cahier d'Artiste», Fri-Art, Fribourg, 2007) stellt einen aus den Fugen geratenen Arbeitsraum dar. Er scheint verlassen, die Dinge haben sich verselbstständigt und streben eine neue Ordnung an. Der Drucker spukt alle zehn Minuten ein Papier aus. Ein Stapel Papier wird immerzu vom Wind weggeweht und der Ventilator ist zum gespenstigen Ding geworden. Als Überrest der arbeitenden Menschen hört man aus einem liegengelassenen Diktafon eine erschöpfte Stimme, die einen Text zu sprechen versucht, der von Ökonomie handelt (Ausschnitt aus dem Kadermarkt Schweiz). Die Szene verströmt Endzeitstimmung. Obwohl das Büro ausgestorben erscheint, verrichten die Apparate ungehindert ihren Dienst. Sind es nicht Zeugen der Geschichte, die ohne Geschichte weiterleben, sie überdauern und uns so unsere eigene Sterblichkeit vor Augen führen? Ökonomie, Bürokratie, Geschichte erweisen sich als unendlich und scheinen unabhängig von unserem Tod fortzudauern. Darin überlebt sogar unser Gesprochenes, bekommt ein gespenstiges Dasein. Der Beobachter nun, der mit diesem Unendlichen konfrontiert ist, beginnt zu begreifen, dass alles um ihn herum dem Realen angehört, während er das einzige gespenstige Ding ist. Entspricht diese Objektivierung des Realen, in der sich der Beobachter selbst aus der Welt ausschliesst, nicht einer Art Selbstmord? Der Beobachter wird zum Beobachter seines eigenen Todes, während gleichzeitig der eigene Tod als Tod strukturell unbeobachtbar bleibt. Dieser unüberwindbare Rest gehört in letzter Konsequenz zur unendlichen Dimension des Realen, die das Denken Derridas bestimmt. Für Derrida gibt es eine «unmögliche Möglichkeit» aus der Geschichte auszusteigen oder hinter sie zu gelangen, wie es der Beobachter von «Office» unter Umständen tut.
Durchschimmernde Zeitdimensionen
In der Videoinstallation «Der Besuch» (in den Arbeitsräumen von Tweaklab tools for media and art, Basel 2003) sind bewegte Schattenbilder einer Frau an die Wände eines Büros projiziert. Sie interagieren mit der Infrastruktur des Büros. Der weibliche Schatten springt zum Beispiel vom Kasten oder lässt auf dem Tisch sitzend die Beine baumeln, als ob er das eintönige Interieur des Büros verspotte. Der materielle Körper, der den Schatten verursacht, fehlt allerdings, so dass der Schatten auch als Abwesenheit gelesen werden kann. Man bekommt leicht den Eindruck, als ob die Schatten als Nachbilder von einer vergangenen Zeit erzählen, in der das Büro noch belebt war.
Ist das nicht die Lage, in die sich ein Besucher eines Museums begibt, in dessen Räumen die Gegenwart gegenüber der Vergangenheit die Souveränität einbüsst? Und ist es nicht so, dass die Dinge im Museum vom musealen Kontext und vom System des Wissens durchdrungen werden und beginnen, transparent zu sein, genau so wie der abwesende Körper der Frau in der Installation «Der Besuch»? Unter den symbolischen Bedingungen des Museums - wie Wissen und Geschichte - aber auch unter dessen technischen Bedingungen - wie Beleuchtung und Klimatisierung - beginnt alles transparent zu werden, bis sich schliesslich alles auflöst. Davon ausgeschlossen bleibt der Beobachter selber, der sich mehr und mehr als Fremdkörper erlebt und von Ohnmacht ergriffen wird, je länger er sich im Museum aufhält. Das Gefühl der Ohnmacht, das auch in Anbetracht der Leichtigkeit des weiblichen Schattens aufkommt, rührt von der Unfähigkeit des Beobachters, der geschichtlichen Transparenz zu entsprechen und selber transparent zu werden. Der Beobachter bleibt ein dunkler Ort oder ein unüberwindbarer blinder Fleck am Horizont der Geschichte.
In der Installation «Bühne» (Helmhaus, Zürich 2005) beschwört Franziska Koch ein Konzert anhand von Bildern der Vorbereitungen herauf. Im Videobild sind nur die Schatten der probenden oder arbeitenden Menschen zu sehen. Im Stimmen des Klaviers, im Staubsaugen des Saales und in den Rückkoppelungen von Gitarrenriffs klingt die doppelte Abwesenheit des eigentlichen Ereignisses an. Das erzielt den Effekt einer Gleichheit der drei Zeitdimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ist das nicht die treffende Beschreibung des Virtuellen, das die Zeitlichkeit aufhebt und in der die Dimensionen der Zeit durchschimmernd werden? Und ist die Bühne, das Museum, die Ausstellung usw. nicht der Ort, wo sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft versammeln, sich durchkreuzen, um eine autonome Dynamik zu entfalten, in der Beobachter und Künstler gleichermassen allmählich verschwinden, um einer absoluten Transparenz Platz zu machen, die jenseits der Transparenz des Bildes, der Installation und der Projektion liegt?
Die Relativität des Goldes
Franziska Koch hat für den Kunsthof Zürich ein Projekt mit dem mehrdeutigen Titel «Reserven» konzipiert. Dieses basiert auf ausführlichen Recherchen über die Goldreserven der Nationalbank und deren exemplarischer Rolle innerhalb der aktuellen ökonomischen Situation. Die Lagerstandorte der Goldreserven sind streng geheim und werden akribisch überwacht. Dennoch lässt sich angesichts der ständigen Bewegung dieser Reserven zu keiner Zeit ein absolutes und transparentes Bild des vollständigen physischen Vorhandenseins des Goldes herstellen. Die Bewegung ist nämlich etwas, das sich der logistischen Überwachung strukturell entzieht, so dass jede Bestandsaufnahme nur einen relativen Moment darstellt, dessen Totalität konstruiert ist. Offenbar ist nicht nur der Wert des Goldes unter den schwankenden ökonomischen Bedingungen relativ, sondern auch die physische Existenz des Goldes selbst.
Berni Doessegger (*1978) lebt in Zürich, Autor und Mitherausgeber der Zeitschrift Inästhetik, 2007, Diapha- nes sowie Leiter und Redaktor von p-r-o-x-y, 2009.
Erschienen im Kunstbulletin 6.2009
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Snapshots and Productive Limits
from Tim Zulauf
Franziska Koch’s works appear to be excerpts at first glance – snapshots taken from pictorial contexts, material alterations, mental or social developments.
In her video work Szenen (1998), actors improvise scenes from the relationships of three couples. They are constantly embroiled in arguments, which grow and develop into a set theory of discord. In the process, the double projection shows the contentious interaction of the couples in the overlapping of two image frames, complementing each other one moment only to battle over the allegedly correct view the next. The film scene itself is what “makes a scene”. The multi-part installation Bühne (2005) features a musical soirée, focusing on the preparations for it to conjure up the event itself. In the video image one can only see the shadows of the people practising or working. Thus, the double absence of the actual event can be heard in the tuning of the piano and the vacuuming, the positioning of staging and the feedback from guitar riffs. This absence draws the viewers into intertwined “imaginings of the performance” and interlaces their shadows with the shadow play on site. The “boards that represent the world” [the stage] are made up of the longings of the audience even before anything takes place on them. In the painting installation Lamentation (2003), groping arms emerge from the corners of the architecture. Their multiplicity turns the space on a corner, examining it.
The archetype of an escape film unfolds as if through a night vision device: a horde of child-people searching for a lever to break open the ceiling, the flow of wetly applied, negative shadow-cracks hard on their heels. The architecture alluded to embraces the broached story to create an architectural plot in which media categories regroup. The architecture is given a strutting arch and the story branches off around the emotional densities expressed by the various arm gestures.
Overall, the works of Franziska Koch invite the interpreter to speak of productive limits rather than of details, excerpts or fragments. Concepts direct one’s attention to the processes which are at work above and beyond a setting of limits. Although an allusion to the interpretation is already inherent in the production of lost or not yet created form in the fragment, the productive limit actively surpasses its terrain, with a force field. In the same way that magnetic fields attract ferromagnetic substances and, on contact, transfer their magnetism to release the substances involved, now magnetised themselves, Koch’s productive limits take moments of feeling and pass them on. The physical image stands for the communicative energy of self-similarity. It results in a snapshot jumping over into the viewer and conveys a moment of feeling. But the snapshots allude to the time either before or after the shot from within a fixed moment in time. By attracting the moment, by “absorbing it” and then passing it on, they allude, unlike the fragment, not to an absent form but to a time beforehand or afterwards in the perception of the viewers. In her work, Koch unleashes emotions that form waves extending beyond the logics of forms or solids.
Published in Collection Cahier d'Artist 2006, Franziska Koch
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Das nasse Badetuch
von Giovanni Carmine
Zur Grundausstattung aller gut organisierten Badbesucherinnen und -besucher gehört nebst der Badehose ein Tuch. Diesem unersetzbaren Werkzeug, das seinen Zweck sowohl als pragmatisches Trocknungsinstrument dient, als auch Platzhalter ist und zur räumlichen Abgrenzung eine sozialen Funktion erfüllt, schenkt Franziska Koch (*1966 in Luzern, lebt in Zürich) mit ihrer Intervention im Freibad Seebach ein diskretes aber präzises Denkmal. Es handelt sich dabei nicht um eine zelebrierende und pathosgeladene Geste - vielmehr geht es hier um eine feine Skulptur, die eine alltägliche Handlung des Lebens im Freibad einfriert und thematisiert.
Auf dem braunen Holzgelände des ehemaligen Restaurantgebäudes, das zu einer schattigen Ruhezone umgebaut worden ist, hängt eine detailtreue plastische Reproduktion eines Badetuches aus Neusilber. So platziert, als ob es zum Trocknen an der Sonne hängen würde, ist diese Skulptur tatsächlich auch ein Brunnen und fügt dort das Element Wasser wieder ein, wo nach der Renovation der Badeanstalt eine wasserfreie Ruhezone geschaffen worden ist. Wasser fliesst hier durch die Falten und die Frotte-Textur des Tuches vom Obergeschoss der Terrasse über die darunter wachsende Bepflanzung und auf der Rückseite feuchten einige Tropfen den Betonboden zwischen den roten Liegestühlen an.
Die Skulptur «Badetuch» von Franziska Koch definiert sich durch ihren Realismus, sowohl durch die spielerische, vor allem aber durch eine dynamische Dimension. Die Plastik dehnt nämlich ihre räumliche Grenze durch das Fliessen des Wassers aus und suggeriert den Betrachtern die Idee der Zeit – eine Idee, die sich in den Veränderungen der materiellen Oberfläche der Skulptur durch die wasserbedingte Oxidation spiegeln wird.
In den architektonischen Kontext fügt die künstlerische Intervention ein Element, das sich in der Vertikalität definiert - im Gegensatz zu den horizontalen Akzenten, die das Terrassengebäude rhythmisch gliedern. «Badetuch» ist folglich nicht nur eine artifizielle Applikation auf einer architektonischen Struktur. Das Gebäude übernimmt als Sockel und Träger eine neue und unerwartete Dimension. Kunst und Architektur geraten nicht in Kontrast, sie schmelzen fast osmotisch ineinander: sie unterstützen und definieren sich gegenseitig, im Dienste ihrer ausgeprägten ästhetischen Aussagen und Funktionen.
Erschienen auf
www.stadt-zuerich.ch/hbd/de/index/hochbau/kunst_und_bau/realisierte_projekte/archiv_0607/
badseebach.html
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Heute fährt kein Bus mehr
von Nadine Franci
Wer eintritt in den Raum mit Franziska Kochs Installation "Heute fährt kein Bus mehr" wird zwangsläufig zum Beobachter. Die einzelnen Elemente, die den Raum bestimmen, sind schnell registriert: ein Tisch, darauf eine Beige Papier sowie eine Glühbirne. Eine Bühnensituation also, karg, verlassen, etwas heruntergekommen. Die Reduktion auf die wenigen Gegenstände irritiert. Zugleich erhöht sie die Konzentration und schärft die Sinne. Wer eintritt in Kochs Raum nimmt Teil am Geschehen und wird zum Ethnologen. Man möchte die Mechanik der Dinge verstehen und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Elementen herstellen. Dazu muss man sich einlassen auf das, was passiert. Dazu braucht man Zeit, denn die Welt der Franziska Koch ist eine langsame.
Die Künstlerin legt die Mechanik ihrer Installation offen dar, so dass nach einer Weile gut nachvollziehbar scheint, was wie funktioniert und was auslöst. Die Freude, den Mechanismus durchschaut zu haben, währt allerdings nur kurz, denn gleichzeitig erkennt man den Leerlauf des Ganzen. Der Beobachter, der eben noch Ursache und Wirkung gesucht hat, um voller Hoffnung darin den Sinn zu finden, wird zum Beobachter seiner selbst. Er ist gestrandet im "Wartesaal", wie jener, der keinen Bus mehr hat, der ihn wegbringt.
Bewegung und Geräusche spielen im Werk von Franziska Koch eine wichtige Rolle. Sie erlauben ihr traditionelle Relationen zwischen den Dingen leicht zu verrücken und in Frage zu stellen. Die einzelnen Objekte erhalten dadurch eine Präsenz, die aus ihnen mehr macht als nur Gebrauchsgegenstände. Sie werden zu Persönlichkeiten, die sich unserer Welt bemächtigen und darin nicht länger eine Nebenrolle spielen. Fiktion und Wirklichkeit verschmelzen ineinander in diesem intelligent aufgebauten System, das darauf angelegt ist, unterschiedliche Wahrnehmungs- und Abstraktionsebenen in uns anzusprechen.
Franziska Koch versteht es, mit ihren Installationen den Menschen sofort bei seiner Neugierde zu packen, um ihn später auf sich selbst zurückgeworfen in einer Traumwelt liegen zu lassen. Koch arbeitet dabei mit minimalen Mitteln, skizziert nur, was detailliert ausgearbeitet werden könnte. Dadurch wird die Idee allerdings nur noch deutlicher. Die Mechanik liegt offen zu Tage und verspricht allzu trügerisch eine Antwort auf die Frage nach den Zusammenhängen. Dass nicht alles ist, was es scheint, kann den Ehrgeiz des Beobachters nur noch anstacheln: Der Vorhang täuscht, der Wasserspender blubbert, auch ohne dass sich jemand des Wassers bedient. Was spielerisch beginnt, endet in den angsamen, unaufhörlichen Qualen der Repetition sinnloser Bewegung. Wer eintritt ins Kunstwerk von Franziska Koch wird zu Sisyphos, der nicht anders kann, als ständig nach dem Sinn zu suchen. Doch darüber hinaus produziert die sorgfältige Choreographie Bilder jenseits der gewohnten Logik. Diese Bilder erzählen Geschichten aus einer Welt, in der die Zeit anders rinnt, in der andere Gesetze gelten. Eine Welt, die nicht auf Nützlichkeit und Produktivität getrimmt ist und dennoch oder gerade deswegen sinnvoll ist.
Erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Wartesaal, Perla Mode Zürich 2008

